Kreativ, menschlich und umsetzungsorientiert – Design Thinking wird von Unternehmen und Institutionen als Innovationsmotor neu entdeckt. Nur ein Beispiel: Einwohner und Besucher von San Francisco ärgerten sich regelmäßig über die wenigen verfügbaren Taxis, ein Problem in der Stadt der vielen Hügel. Die Herausforderung wurde in diesem Fall über die schon lange existierende und aktuell revitalisierte Methode genommen. 

Jay Nath, seit 2012 Chief Innovation Officer in San Francisco, lancierte gemeinsam mit dem California College of Arts und dem Mix&Stir Studio einen 24-stündigen Marathon, um eine design-orientierte Technologielösung für das Taxiproblem in San Francisco zu finden. Zu dem Design-Thinking-Prozess fanden sich Taxifahrer, Datenprofis, Startup-Gründer, Einwohner, Design-Experten, die Regierung der Stadt und sogar Google ein.

(c) twitter/lisakaysolomon

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„Die klügsten Menschen sitzen oft direkt vor unserer Nase“, weiß Nath. Es war eine Suche nach fundamental neuen Ideen, die die Wünsche und Bedürfnisse aller berücksichtigen, erzählt Lisa Kay Solomon, Professorin am California College of Arts: „So entstanden zehn Konzepte, die jetzt getestet werden“. Design Thinking ist ein „disziplinierter Weg zur Innovation“ wie Solomon es beschreibt. Meist findet sich eine sehr diverse Gruppe zusammen. Im Zentrum der „Reise für Entdecker“ steht der Konsument, der Nutzer. Design Thinking entfaltet heute seine wahre Kraft, in einer Zeit der Krise, wo viele große Unternehmen mit dem Rücken zur Wand stehen und regelmäßige Innovationen mehr denn je gefragt sind. Design Thinking holt Menschen emotional ab. „Ich lehre als erstes visuelles Denken, Rohentwürfe kommunizieren, – je menschlicher das Bild ist, desto menschlicher die Reaktion – und wir brauchen menschliche Reaktionen, um Bedürfnisse zu erkennen und Probleme zu lösen“, glaubt Solomon. Design Thinking ist ein Näherungsverfahren – es gehe nicht um die eine perfekte Lösung, so die Universitätsprofessorin. Es ist eine Rückkehr zur Mitte, weg von standardisierten Methoden, von Excel-Sheet-Analysen und more of the same.

Kreatives Trial and Error ist der Schlüssel zum Erfolg

Der Denkansatz, der an der d.school, der Designschule der Stanford University, geprägt wurde, wendet Strategien des Produktdesigns in der Wirtschaft, der Stadtplanung oder für Bildungskonzepte an. Sie hat Design Thinking weiterentwickelt mit Fokus auf strategische Gesprächsführung: “Das Verstehen des Problems benötigt viel mehr Aufmerksamkeit. Ist es erkannt, sollen sich die besten Köpfe mit den unterschiedlichsten Perspektiven zusammensetzen – Lösungen entstehen nicht durch lineares Denken oder in datengesteuerten Powerpoint-Sessions.“ Wir leben in einer komplexen Welt, sinniert Solomon, in dieser braucht es effiziente Steuerungselemente, insbesondere für Gespräche – schließlich verbringen Führungskräfte den Großteil des Tages mit Kommunikation. Das Finden von Lösungen, die getestet, adaptiert, verworfen und erneut probiert werden, ist ein iterativer Prozess. „Kreatives Trial and Error beherrschten wir als Kinder alle, bevor es uns die formale Schulbildung abgewöhnt und kreative Intuition durch Symbole und Worte ersetzt wurde“, kritisiert Salomon. Die kindliche Neugier wecken, Neues erfinden, experimentieren – darum geht es.

Einer der Förderer und Financiers der d.school in Stanford, die seit 2009 auch ein Institut in Potsdam hat, ist der Millionär Hasso Plattner, Gründer des deutschen Software-Unternehmens SAP. SAP bewegt sich in einer Branche mit höchstem Wettbewerbsdruck. „Innovation steht im Zentrum unserer Arbeit. Für uns heißt es: sei innovativ oder du stirbst“, bringt es Cafer Tosun auf den Punkt. Er ist Leiter des SAP Innovation Center, das 2011 gegründet wurde und eng mit dem wissenschaftlichen Hasso Plattner Institut zusammenarbeitet. Tosun war acht Jahre im Silicon Valley tätig. Er kennt die Energie und das Brodeln am Brennpunkt der Innovationen, wo jeder ständig auf der Suche nach „the next big thing“ ist.

Nähe zum Konsumenten suchen

„Wir haben die Entwicklungszeiten von Neuerungen mithilfe von Design Thinking von drei Jahren auf neun Monate reduziert. Das Ziel ist es innerhalb von drei Monaten Prototypen auf den Markt zu bringen“, sagt Tosun. SAP gibt es seit 40 Jahren, „wenn Unternehmen eine gewisse Größe erreichen, wird ihre Struktur komplexer, die Aufgaben spezifischer, „so verlieren sie oft die Nähe zum Konsumenten“, beschreibt Tosun einen natürlichen Prozess. Auch deshalb kehrte SAP zurück zur Wendigkeit der ersten Jahre, agiert mit dem Innovation Center in der Kleinheit und mit einer Flexibilität, die an Startups erinnert. Rund 100 Menschen mit vielfältigem Background arbeiten in einer inspirierenden Umgebung, wo Ideen in Design-Journalen, auf Whiteboards oder Post-its festgehalten werden. Das Ziel: der technologische Vorsprung. Dazu sind 700 Coaches für unterschiedliche Abteilungen ausgebildet – als Treiber konzernweiter Design Thinking-Prozesse des 66.000 Mitarbeiter zählenden global agierenden Konzerns.

Da ist es auch wenig verwunderlich, dass SAP auf der Suche nach Inspiration eng mit Startups kooperiert, aktuell sind es bald 1.000, an denen das Unternehmen teils mit Venture Capital beteiligt ist. So behält man die Konkurrenz wohl besser im Auge. SAP hat durch die Arbeit des Innovation Centers ein weiteres Zukunftsthema ausgemacht: Big Data. In verschiedensten Ländern und Themenfeldern von der Onkologie bis zu Banking und Mobilnutzung.

Verschwende keine Zeit mehr in Meetings

Dass Design Thinking auch für weltweite Herausforderungen einen Lösungsansatz bieten könnte, zeigt die Clinton Global Initiative. So saß beim letzten Symposium der Initiative neben Bill Clinton auch Tim Brown, CEO der Design- und Innovationsfirma IDEO am Podium, deren Gründer David Kelley wiederum die d.school initiierte. „Der Kern von Design ist die Liebe daran Dinge zu erschaffen und zu gestalten“, bemerkt Brown, „dafür müssen wir Designer ein tiefes Verständnis für die Gemeinschaft aufbringen, für die wir gestalten und für ihre Herausforderungen, die zur Weiterentwicklung beitragen“. Er gab dem Publikum folgendes mit auf den Weg: „Verschwendet nicht Zeit in Meetings mit und langen Diskussionen, sondern werdet aktiv, baut Muster, Modelle, lernt vom Ergebnis und versucht es erneut, bis die beste Lösung da ist.“ Selbst Meister des Design Thinking wie Steve Jobs bewegten sich schrittweise zur Perfektion – die endgültige Lösung steht eben nie am Anfang eines Prozesses.