Ein Startup mitten in London wird zur Zentrale der unglücklichen Workaholics. Das Startup „Escape the City“ hilft den Orientierungslosen aus ihrem Hamsterrad und begleitet sie auf dem Weg zu ihrem Traumberuf. Mittlerweile 250.000 Mitglieder haben sich von Rob Symington inspirieren lassen.

Bank, City of London, mitten im Finanzdistrikt. Menschen drängen und stolpern im Laufschritt durch die engen weiß gefliesten Schläuche der Londoner Tube. Sie holen einmal tief Luft, um ein paar Schritte später in hohen Gebäuden mit dunkel getäfelten oder modern gestylten Räumen zu verschwinden. „Wir sitzen mittendrin, wo unsere Kunden sind“, lacht Rob Symington als er die Tür seinem Reich, dem inzwischen etablierten Startup Escape the City, öffnet.

(c) Escape the City

(c) Escape the City

Er ist einer der drei Gründer der Community, die inzwischen mehr als 250.000 Mitglieder zählt (rund die Hälfte aus UK, rund 70.000 sind US-Amerikaner, 35.000 Mitglieder zählt das Unternehmen in Deutschland) und deren Ziel es ist die Menschen auf ihrem Weg zum Traumberuf, zur Firmengründung, zum Ausstieg oder ins Abenteuer zu führen – fort von unbefriedigenden 9-to-5-Jobs, raus aus der Unternehmensberatung und Juristerei.

Symington schmiedete sein eigenes Glück

2010 erdacht, gibt es seit 2014 für das ursprünglich rein virtuell geplante Unternehmen, das mit einem kreativen Blog für Berufsaussteiger begonnen hat, nun einen ganz realen Treffpunkt, die Escape-School. Symington lehnt an der Theke der Escape-Bar, Herzstück der Schule. Hier treffen sich allabendlich Bankmanager, Berater und Anwälte, müde und ausgelaugt. Sie vereint ein Wunsch, nämlich ihre 80-Wochenstunden-Jobs, die Tretmühlen der Großfirmen, hinter sich zu lassen. Inzwischen gibt es jeden Abend ein Seminar, ein Treffen, eine Plauderei.

Begonnen hat Escape für Rob Symington,  und Mikey Howe vor sechs Jahren, am Küchentisch. „Ich hatte in Schottland studiert, begann als Junior bei dem Steuer- und Unternehmensberater Ernst & Young. Ich arbeitete hart, war ambitioniert, wurde regelmäßig befördert und verdiente gutes Geld.

(c) Escape the City

(c) Escape the City

Aber ich wurde immer unglücklicher“, erinnert sich der 32-Jährige gebürtige Portugiese. „Wir investierten Stunden in millionenschwere Projekte und mein Gefühl war jedes Mal: nichts verändert sich“, siniert Symington. Dann tauchte er in neue Welten im Internet ein, las Blogs über Entrepreneurship anstelle Excelsheets zu befüllen, beobachtete Startups im Silicon Valley statt das Steuerrecht zu studieren. „Ich saß in der alten Welt, in meiner kleinen grauen Box im Office und plötzlich wusste ich, in welcher Welt ich wirklich sein wollte“, sagt Symington und lacht verschmitzt, „viele von uns tun täglich Dinge, die sie innerlich kalt lassen. Das will Escape verändern“.

Und irgendwie glaubt man, dass das möglich ist, hier an dem Holztisch der gemütlichen Bar. An der Wand hinter ihm hängt eine kleine Tafel. Auf ihr steht in blauer und gelber Kreide: „Don’t prepare. BEGIN.“ Genau das haben die drei Partner gemacht, „da warten Zeitverschwendung ist“. Ein gutes Dutzend Menschen arbeiten inzwischen an der Idee von Escape, einer von ihnen ist Stefan aus Österreich. Er hat an der Angewandten Architektur studiert und hatte in China einen tollen Job, aber das alles hat er hinter sich gelassen. Seit zwei Jahren ist Stefan Softwareentwickler und arbeitet für Escape. „Der beste Weg, um zu wissen was man tun will, ist es auszuprobieren“, meint er.

Das größte Crowdfunding Projekt Europas

Dass das nicht leicht ist, wissen hier alle, nicht zuletzt Symington: „Es war vor fünf Jahren, wir arbeiteten intensiv, es gab viel Goodwill, mediales Echo und wir waren auf der Suche nach einem Venture Captalist, parallel schrieben wir an unserem Buch dem Escape-Manifest – und wir hatten weniger Geld als in unserer Studentenzeit“. Von der Familie wurde Escape ein wenig belächelt,

Rob Symington

Rob Symington

als Hippie-Idee abgetan. Der Escape-Gründer erlebte damals fast ein Burnout, war paralysiert, konnte nicht mehr arbeiten. „Es war die Angst vor dem Scheitern, die mich lähmte“, heute teilt Symington seine Erfahrungen in der Escape School.
Escape ist das größte Crowdfunding Projekt Europas, das 2013 aus der eigenen Community finanziert wurde – 395 Mitglieder erhielten für 600.000 Pfund 26 Prozent am Unternehmen und Escape the City eine Basis. Escape hat zwei Standbeine, eines ist das Recruitment-Geschäft. „Wir bieten über die Website der Community Jobs an, zum Beispiel von Startups wie Uber, Airbnb, Vita Coco oder soziale Jobs.

Es gibt an die einige tausend Anbieter, die sich bewerben und zumindest einen der vier Escape-Faktoren – spannende Marke, exotischer Ort, unternehmerischer Aspekt, Angebot im sozialen Bereich – erfüllen müssen. Sie zahlen eine Fee von 100 bis 500 Pfund. Dass hier natürlich eher eine junge Klientel von 25 bis 35 angesprochen wird, leugnet Symington nicht. Etwa die Hälfte der Jobs ist im UK, informiert Stefan.

Nächstes Ziel: Bali

Der zweite Geschäftszweig ist die Escape School. In zwei Wochen enden zwei Escape-Tribes, einer für Career Change, hier sind viele Frauen dabei, und einer für Startup-Gründer, das zieht eher Männer an. Je 50 Menschen werden drei Monate lang von vielfältigen Trainern für 2.000 Pfund unterstützt ihren Traum zu leben oder die Idee für ein Startup zu verwirklichen. „Die Schule gibt es seit 2014, weil wir gemerkt haben, dass die Online-Community nicht reicht. Der Wunsch einen sinnerfüllten Job zu haben, trifft mitten ins Herz. Es geht um Identität, die Definition von Leben, Erfolg, Reichtum. Uns muss es im echten Leben geben“, so Symington. Seinen Job zu gestalten, zu kündigen, ein Business zu starten, das sind langfristige Entwicklungen. „In den Tribes schaffen wir Momentum, nur nachdenken und reden ist zu wenig. Die Magie liegt in der Gemeinschaft, in der jeder wachsen darf. Wir sind eine großen Familie, mit ähnlichen Vorstellungen und Zielen“, findet Symington.

Der Markt für ungewöhnliche und kreative Jobs wächst. Mikey Howe ist bereits auf seinem Heimatmarkt in den USA und organisiert Events in New York, auch in Deutschland schlummert Potential für mehr. Zwei Experimente sind in Bali und Italien geplant. „Jeder kann seinen Traum leben“, erklärt Symington, und das meint er vollkommen ernst.