Zuerst einmal ist man überwältigt. Überwältigt von der Größe und, dass so ein Event in der beschaulichen Stadt Graz stattfindet. Ja, Stefan Stücklschweiger und Thiemo Gillissen haben gemeinsam mit ihrem Team heuer mit Fifteen Seconds (vormals Marketing Rockstars) bereits zum dritten Mal ein inspirierendes, energetisches und großes Live-Event geschaffen. Am 16. Und 17. Juni rockten internationale Top-Speaker aus der Start-up-Szene wie aus dem Top-Management von Medien, Agenturen und Unternehmen jeweils für 20 Minuten die Bühne mit Showacts, gingen in die Tiefe in kleinen feinen Masterclasses, boten Spannendes, Neues, mitunter aber auch bekannte Inhalte – wie das eben so ist auf Konferenzen.

Zur Abwechslung konnte man die Messe am riesigen Festivalgelände mit kreativen, wie heimatnahen-steiermärkischen oder coolen und stylishen Angeboten besuchen und bargeldlos einkaufen. Auch ein netter kleiner Park lud zum Verweilen im Sonnenschein. Am Freitag Abend lud man zur Megaparty in der Postgarage. Natürlich könnte man nörgeln – viel Hype, viel Show, viel laute FM4-Sounds; es sei eine Möchtegern-re:publica in Kleinformat; Ideen, Konzept, Speakerauswahl abgekupfert bei deutschen und amerikanischen Digital-Veranstaltungen. Trotzdem, so schnell macht das dem blutjungen Team unter-30-jähriger Burschen und Mädels, die wirklich für ihr Event und ihre Idee brennen, so schnell keiner nach.

Hier nun eine kleine Auswahl was so die Themen, die Speaker und die Ausblicke waren, die auf der Veranstaltung in der Messe Graz auf zwei großen Bühnen, in drei leider etwas zu klein konzipierten Masterclass-Zelten und am Google-Track geboten wurden.

„Mindfulness“ macht glücklich

Am ersten Tag war eines der Highlights Gelong Thubten, der buddhistische Mönch, der Google-Mitarbeiter und andere gestresste Businessmenschen in „Mindfulness“, was soviel wie Achtsamkeit bedeutet, unterrichtet – bezahlt wird er in Naturalien und er freut sich über Spenden, die an von ihm unabhängige Institutionen bezahlt werden können.
Stress, Kopfarbeit und Tempo verstärken bei uns Menschen den Wunsch nach Langsamkeit und Stille. Thubten gab theoretischen Einblick in die Kunst der Meditation.

(c) Tony Bartholomew

(c) Tony Bartholomew

Sein Tipp: meditiere mehrmals täglich aber kurz – Meditation soll sich idealerweise wie Zähneputzen in den Alltag einfügen. „Uns Menschen geht es um Freiheit, wir wünschen uns immer öfter Freiheit, Freiheit von starken Emotionen und unangenehmen Gedanken. Wir wollen unseren Verstand, unsere Gefühle kontrollieren“, erklärt Thubten und ergänzt, „Buddhismus ist im Grunde die Wissenschaft des Verstandes, die uns unsere Gedanken und Emotionen kennenlernen und studieren und damit ein wenig kontrollieren lässt.“ Meditation gibt es seit tausenden Jahren, aber erst die Wissenschaft machte Meditation populär, weil sie bewiesen hat, dass meditieren die Menschen ruhiger und glücklicher macht. Thubten schließt: „Den Verstand zu beruhigen, macht uns frei, es reduziert Stress und schenkt Klarheit, macht uns glücklich und mental und physisch gesünder.“

0,5 plus 0,5 ist gleich 1,5

Inspirierend war die Masterclass mit Jana Tepe, Gründerin von Tandemploy. Das Unternehmen bietet Jobsharing mit cleverer Technologie – denn auf der Homepage des deutschen Start-ups können Menschen mit einem eigenen Matching-Tool jemand zweiten finden, um sich bei jobsharing-freundlichen Arbeitgebern als Tandem zu bewerben. „Viele wünschen sich in bestimmten Lebensphasen mehr Zeit für ihre Familie, müssen Menschen pflegen oder sind aus verschiedenen Gründen in ihrer Zeit eingeschränkt. Es gibt viele Gründe für flexiblere Arbeitsmodelle und so wenig zufriedenstellende Lösungen und Angebote.
Als ich Personalberaterin war, bewarben sich einmal zwei tolle Menschen gemeinsam für eine Führungsposition. Das brachte für unsere Idee den Stein ins Rollen“, erzählt Tepe. Seit 2013 ist sie gemeinsam mit Mitgründerin Anna Kaiser CEO von Tandemploy – der Job wird klarerweise 50:50 geteilt. Und „0,5 plus 0,5 ergibt 1,5“, davon ist Tepe überzeugt. Eine spannende Idee, die die beiden 2015 als eines von über 500 Start-ups weltweit in den Microsoft Ventures Accelerator Berlin brachte. Tandemploy hat inzwischen 50 Unternehmenskunden, über 5.000 Jobsharer auf der Plattform und hat 200 Tandems erfolgreich vermittelt.

Vice und der Showman

Am Tag zwei gab Senior Vice President Mark Adams von Vice den Showman. Er beeindruckte das großteils sehr junge Publikum vor allem mit seinem Enthusiasmus und seiner Bühnenpräsenz. Show ist alles, das gilt insbesondere für die junge, coole, schnelle kanadische Medienmarke. Inhaltlich war die Message einfach: Keiner will sinnlose Werbeinhalte in unlimitierter Frequenz und Reichweite – wie diese von Unternehmen so oft im Internet verbreitet werden: altmodisches Marketingwissen im programmatischen Gewand ist out. Außerdem: Nur Marken die sich von anderen unterscheiden bleiben hängen, der Rest sei „waste“. Adams hielt fest: wir befinden uns in der „era of unbranding“, denn die Hälfte des Marketingbudgets großer Unternehmen mache Marken und Produkte bei den Menschen verhasst. Bitte keine ablenkenden Spielereien, sondern menschliche und wahre Brandstorys, so sein Appell. Dass natürlich Vice diesen außergewöhnlichen, ehrlichen Content nicht nur im Web seiner jungen Klientel bietet, sondern auch als Agentur seinen Kunden verkauft, versteht sich. Am Schluss gab es das obligatorische Social-Media-Jubel-Video von der Bühne aus, mit den tobenden applaudierenden Massen im Hintergrund.

„Worin sind nur Sie die Nummer eins?“

Achim Feige BrandtrustEin wenig tiefer in die Materie tauchte Achim Feige, Partner der deutschen Agentur Brandtrust, die auch in Wien einen Ableger hat. Er erkannte ebenso wie Adams das Problem „bedeutungsloser austauschbarer Botschaften mit wachsender Frequenz“. Zunächst müssen Marketer lernen, die Ziele der CEOs zu verstehen, sprich wie lässt sich Kostensenkung, Wertschöpfung, Profitmaximierung erreichen. Richtig; mit einer Marke, die Wert schöpft, widerstandsfähig macht, Kunden zu Fans erzieht und Talente ins Unternehmen spült. „Begehrlichkeit ist der heilige Gral der Markenführung“, so Feige. Und wie entsteht diese: Indem eine Marke etwas „nur“ und als einzige kann! „Marken sind Energiespeicher von Spitzenleistung, die einem Produkt eine Bedeutung geben. Damit werden Marken zum  Wertschöpfungs- und Preiserhöhungssystem“, erklärt der Branding-Experte. Dabei sei Kontinuität von Vorteil, zeigt er am Beispiel BMW, Audi oder Volvo, die seit Jahrzehnten denselben Claim trommeln: „Freude am Fahren“, „Vorsprung durch Technik“ und „Volvo ist das sicherste Auto der Welt. Alle drei sind genau in diesem einen Punkt die Nummer eins. Worin sind nur Sie die Nummer eins?, das sei die frage, die man sich stellen muss. Das es dann gilt einen eigenen Stil zu entwickeln ist der nächste Schritt und on top müssen Marken als Konzepte des Wünschenswerten „Sehnsüchte erfüllen“ – aber dazu ein anderes Mal.