„Lügenpresse“ war das Unwort des Jahres 2014 und es beschäftigt immer noch Medien, Politik und die Menschen. So verteidigte erst im Mai Angela Merkel die Pressefreiheit als Eckpfeiler von Demokratie und kritisierte die aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Schelte an deutschen Medien. Die Vorwürfe der Unwahrheit oder gefärbten Berichterstattung kamen und kommen oft aus dem rechten Eck, von Anhängern des AfD, einer FPÖ, der islamfeindlichen Pegida-Bewegung und Hetzern. Aber nicht nur.

Laut Wikipedia entstand der Begriff im 19. Jahrhundert – damals richtete sich die Ablehnung konservativer Katholiken gegen die nach der bürgerlichen Revolution um 1848 entstandene liberale Presse. Bekannt ist aber vor allem die Verwendung des Begriffs in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen antisemitischen Verschwörungstheorien. Zuletzt wurden im Zuge der Berichterstattung zur Flüchtlingssituation seriöse Qualitätsmedien in Deutschland und Österreich aggressiv kritisiert. Einerseits wurde diese Kritik als rechtspopulistische Hetze abgetan, andererseits erreichte die Diskussion, dass eine möglicherweise längst fällige Selbstreflexion der Medien stattfindet. Denn ein gewisser Vertrauensverlust auch beim Bildungsbürgertum scheint eine Tatsache zu sein.

Die aktuelle weltpolitische Lage – Flüchtlingsthematik, Griechenlandkrise und Brexit, die EU auf dem Prüfstein, der Terror der IS und andere Entwicklungen, die das Nord-Süd-Gefälle der Welt verstärken, –  stellt für Politik, Medien eine Herausforderung dar und schürt tiefe Ängste in der Bevölkerung. Medien, die zu einem Gutteil selbst in der Krise sind, mit harten Einsparungsmaßnahmen, Umsatzeinbußen und schwierigen Thematiken konfrontiert sind, sind mehr gefordert denn je. Aber Glaubwürdigkeit lässt sich weder mit Bekenntnissen noch mit Appellen sicherstellen, aber eine offene Diskussion, eine achtsame Selbstbetrachtung und fachliche Expertise können der Medienqualität dienen und Orientierung und Anker sein.

Wikipedia

Pegida Demo Dresden (Wikipedia)

Filterbubble: Größte Gefahr der Qualität

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann bestätigt den Handlungsbedarf: „Heute neigen nicht nur Boulevard- sondern auch Qualitätsmedien dazu Meinung statt Analyse, Moralisierung statt Recherche zu bevorzugen. Kommentar und Berichterstattung werden vermischt, die Interpretation weicht der konkreten Untersuchung und Überprüfung. Medien betrachten sich manchmal gern selbst als politisches Instrumentarium und müssen sich dann, wenig verwunderlich, Parteilichkeit vorwerfen lassen. Wenn die Medien mit Selbstkritik voll sind, dann sagt das viel aus.“ Glaubwürdigkeit zu erlangen dauert lange, sie zu verlieren, geht sehr schnell.  Liessmann rät zunächst zur „Hysterieaskese“, denn nicht zuletzt die digitalen und sozialen Medien tragen zu einer „Barbarisierung des Tons“ bei, von der sich auch klassische Medien beeindrucken lassen. Zudem müssen Qualitätsmedien aktiver

agieren, nicht zuletzt weil sie durch die digitalen Plattformen an Bedeutung verlieren. Eine Gefahr erkennt Liessmann darin, dass sich die Menschen im Netz, teilweise unbewusst, in ihrer persönlichen algorithmisch bestimmten Filterbubble bewegen, und Inhalte sehen, die genau zu ihrem Weltbild passen. So lässt Liessmann keinen Zweifel daran, dass Medien eine relevante Aufgabe zu erledigen hätten. Erreichen lässt sich diese nur mit unabhängiger, kritischer, hintergründiger und umfassender Berichterstattung über relevante und aktuelle Ereignisse, das wissen (Qualitäts)Medienmacher allerdings ohnehin.

„Es ist Zeit für Selbstkritik- und jede Menge Mut“

Armin Wolf sieht „jede Krise als Chance, auch wenn das abgedroschen klingen mag“. Er glaubt, dass insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk, weil er „Gott sei Dank“ weniger ökonomische Probleme habe, eine wichtige Infrastruktur darstellt; „unsere Aufgabe ist es unsere Arbeit gut zu machen und diese Arbeit und ihre Ergebnisse zu erklären, erklären, erklären“. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, sagt es offen in seiner vielbeachteten Rede im Februar im Schauspielhaus in Dresden: „Es ist Zeit für

Giovanni di Lorenzo (Die Zeit)

Giovanni di Lorenzo / Die Zeit (Wikipedia)

Selbstkritik – und jede Menge Mut.“  Er erklärt, „wir werden uns von System- und Lügenpresse-Parolen nicht verrückt machen lassen“ und ergänzt, „wenn sie wüssten, es gibt für Journalisten keinen größeren Traum, als einmal die Machenschaften eines mächtigen Menschen aufzudecken“. Di Lorenzo findet, wir dürfen nicht die Wertschätzung für all das verlieren, was gut und erhaltenswert sei, jedoch spricht auch er die Skandalisierung aus nichtigen Anlässen, die Aufregung in Medien und Hysterisierung im Kampf um Aufmerksamkeit an, „sie stößt ab und entpolitisiert Gesellschaften“. Er ortet einen Hang zum Gleichklang, „Journalisten sind oft ähnlich sozialisiert, mancher fühlt sich daher von den Medien unverstanden und nicht wahr und ernst genommen“. Der Druck aus dem Netz tue sein Übriges. Gleichzeitig ehrt di Lorenzo seine Redaktion und ihren Einsatz. Di Lorenzo will noch mehr Nähe zu seinen Lesern aufbauen und Transparenz walten lassen. So gibt es seit Ende 2015 neben großen Artikeln einen Informationskasten „Hinter der Geschichte“, der den Lesern eine Art Making-of anbietet. Besonders schön ist di Lorenzos Schlussplädoyer: „Wir Journalisten sind die Staatsanwälte, der Leser ist der Richter. Wir dürfen nicht selbst zu Handelnden werden“, warnt er. Also runter von dem hohen Ross, weg vom Berufszynismus, hin zu mehr Demut und einer gesunden Neugier, die Journalisten mit offenen Augen und Ohren ihre wichtige Aufgabe in einer demokratischen Gesellschaft ernsthaft wahrnehmen lässt.