Thomas Müller hat die Gedankengänge von Briefbombenattentäter Franz Fuchs ergründet und sich mit dem Innenleben von Jack Unterweger vertraut gemacht. Der gebürtige Tiroler besitzt tiefgehendes Wissen der Psychologie und ist Meister des Profiling – sprich in der Erstellung von kriminalpsychologischen Berichten über Verbrecher. Seine Fähigkeit ist gefragt. Nicht nur zur Verbrecherjagd dient, sondern auch in HR und Recruitingprozessen.

Müller recherchierte  auch über Moses Sithole, einen außergewöhnlich gut gekleideten Mechaniker auf Jobsuche, der immer mit einer Zeitung außer Haus ging. Ein unauffälliger Mann möge man meinen.

(c) Wikipedia

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Nein, weit gefehlt, der Südafrikaner Sithole wurde 1997 für 38 Morde und 40 Vergewaltigungen mit 2.410 Jahren Gefängnis verurteilt. In die Zeitung gewickelt trug er stets ein Messer mit dem er einige seiner Morde beging. Ein erschreckend unheimlicher Job, dem Müller nachgeht. Doch der Tiroler scheint ihn zu mögen, schließlich ist er inzwischen als charismatischer Redner gefragt, wie beim Radio Research Day der RMS. Zunächst war Müller einfacher Sicherheitsbeamter, dann studierte er Psychologie, inzwischen ist er Kriminalpsychologe, Autor, Vortragender. Läuft man Müller über den Weg mag der eine oder andere erschrecken, schließlich ist das grob geschnittene Gesicht des Tirolers mit den kleinen Augen Furcht einflößend. Sein bodenständige Tiroler Akzent und das spitzbübische Lachen wirken da fast beruhigend.

Vertraue darauf, dass dein Urteil falsch ist

Müller vermag es zu fesseln und dabei die eine oder andere Erkenntnis zu vermitteln – weil er versteht wie der Mensch tickt. Eine Aussage, der Müller auf der Stelle widersprechen würde. Er führt uns selbst vor warum. „Was meinen sie“, richtet er eine Frage an das anwesende Publikum aus der Medien- und Werbebranche, „Glauben sie ist er der, der das getan hat?“, er deutet auf ein Bild eines Röntgens, das offensichtlich ein Lebewesen zeigt mit einem metallenen Gegenstand im Körper. „Ist der gefährlich?“. Schweigen im Raum, einige nicken. Klar, Metall, ein Körper – da hat jemand zugestochen. Aber nein, es stellt sich heraus, ein kleiner Hund hat ein Messer verschluckt und sein Besitzer hat ihn zum Tierarzt gebracht und so gerettet. So kann man sich täuschen.
Bild Nummer zwei – ein toter Mann auf einem Bett umrahmt von Plüschtieren. „Was meinen sie?“, richtet sich Müller wieder an die Anwesenden. Ach, nein, eine harmlose Szenerie ist man sich einig. Ebenso falsch, denn hier hat eine Mutter ihren Sohn ermordet und schließlich zur Ablenkung die Stofftiere inszeniert. Genau, das möchte Müller den Zuhörenden beibringen: „Die beste Tarnung für jemanden, der ein komplexes Verbrechen begeht, ist die Arroganz jener, die glauben zu wissen, wie jemand aussieht, der komplexe Verbrechen begeht. Also traue nie deinem eigenen Urteil!“ Denn die Vergleichsgröße in diesem Fall sind wir selbst und das „ist bestenfalls die Basis für ein vernünftiges Vorurteil“.

Wenn unbedachte Schlagzeilen einen Psychopathen anspornen

Diese Erkenntnis ist klarerweise auf alle Branchen anwendbar, denn Menschen und Urteile wie Vorurteile kennen wir alle. Apropos Weisheit: Die Chinesen sagen, alle Dinge haben drei Seiten; jene Seite, die du siehst, jene die ich sehe und jene, die wir beide nicht sehen. Das heißt: erkenne das Problem und die Fragestellung, analysiere und betrachte dabei so viele Seiten und Fragestellungen und befrage so viele Menschen als möglich. Darüber hinaus arbeite interdisziplinär, dann wird vielleicht ein gutes Ergebnis erzielt. „Objektiv zu agieren, heißt sich selbst aus der Bedeutung zu nehmen“, betont Müller einmal mehr. Und „man erfährt immer etwas von Menschen, denn wie wir wissen kommunizieren wir alle und immer – egal ob wir sprechen oder schweigen“.

(c) Murderpedia Franz Fuchs - Attentäter den Müller erfolgreich analysiert hat

(c) Murderpedia Franz Fuchs – Attentäter den Müller erfolgreich analysiert hat

Dabei mahnt Müller auch gleich die Medien zur Vorsicht –
mit jeder unbedachten Schlagzeile kann man psychopathische Mörder in ihrem Tun anspornen. Den höchst pedantischen Supernerd und Attentäter Franz Fuchs konnte die Polizei indessen in Zusammenarbeit mit den Medien endgültig lokalisieren. Er wurde mit bewusst gesetzten Meldungen nervös gemacht und verriet sich schließlich ungewollt selbst.

Dein Parkstil verrät wer du wirklich bist

Ein wichtiges nicht kriminalistisches Anwendungsfeld des Profiling ist die HR. Eine Verhaltensbeurteilung soll das Stellenprofil mit dem Kandidatenprofil so exakt als möglich aber auch so objektiv als möglich abgleichen – eine verbreitete Maßnahme in heutigen Recruitingprozessen. Aber auch in diesem Unternehmensbereich gilt laut Müller, objektiv wird die Beurteilung erst dann, wenn der Personalprofi sich derselben Sache von unterschiedlichen Seiten nähert: „Ein CV sagt manchmal halt sehr wenig über das Einfühlungsvermögen und die Resilienz eines Menschen aus, die Art wie er sein Auto einparkt vielleicht schon“, so Müller, „der Schmuck, den Sie tragen, das Auto, das Sie fahren, ja die Art, wie Sie Ihren Schreibtisch um 18.30 Uhr am Abend zurücklassen, sind scheinbar unwichtige Details; in der Regel beinhalten Sie aber mehr Informationen über die Persönlichkeit als ein ausgefüllter Lebenslauf“.

Ein besonders aufschlussreiches menschliches Geheimnis lüftete Müller schließlich in diesem Zusammenhang in seinem kurzweiligen Vortrag, wenn er auch diverse dargestellte Verbrechen am Ende leider doch nicht für das Publikum aufklärte. „Es gibt ein ehernes Gesetz: jedes, wirklich jedes menschliche Verhalten, jede Entscheidung, die wir treffen – sei es wie wir uns kleiden, welcher Arbeit wir nachgehen, ob wir heute hier sitzen oder in unserem Büro, wie wir uns zu Hause einrichten, – alles geht auf eines zurück: auf unser ganz persönliches inneres Bedürfnis. Verhalten ist immer bedürfnisorientiert“, klärt der Kriminalpsychologe auf. Und er zitiert dazu den Autor John Steinbeck: Es gibt Menschen, die in Erfahrungswelten leben, die wir nicht betreten können. „Lassen sie also in all ihren Urteilen Vorsicht walten.“