Sie ist ein großes Vorbild und hat die Welt des Journalismus geprägt wie wenig andere Frauen. Oriana Fallaci (https://de.wikipedia.org/wiki/Oriana_Fallaci) ist eine der ganz Großen. Die gebürtige Italienerin mit der Wahlheimat New York war exzentrisch, ehrgeizig und dabei ein Ausnahmetalent – und sie wusste sich zu inszenieren.

Sie wollte mit ihrer Militäruhr am Arm begraben werden, im Kostüm gekleidet, als sei sie unterwegs zu einem Interview. Bis zu ihrem Tod in ihrer Heimat in Florenz im Jahr 2006 wusste Oriana Fallaci wie man Akzente setzt und auf sich aufmerksam macht.

Oriana Fallaci war eine der berühmtesten Journalistinnen der Welt. Was von ihr bleibt, sind Erinnerungen an eine angriffige, leidenschaftliche und wortgewaltige Persönlichkeit, eine Kettenraucherin, Antifaschistin, seit dem Angriff auf das World Trade Center heftige Islamkritkerin, radikale Visionärin, unbequeme Rebellin, Egomanin, Schriftstellerin. Fallaci verkaufte mehr als 20 Millionen Bücher, Romane und Sachbücher, jedes einzelne hochpersönlich, jedes einzelne ein Bestseller, jedes einzelne von Aufruhr in den Medien begleitet.

Fallaci war die Tochter eines Faschismus-Kritikers und Partisanen und die Geliebte des griechischen Widerstandskämpfers Alekos Panagoulis, dem Fallaci das Buch „Ein Mann“ widmete. Sie nennt es ihr wichtigstes Buch. Fallaci begann mit 16 zu schreiben und war als Kriegsreporterin in Vietnam, schrieb über die Aufstände in Lateinamerika und führte legendäre Interviews mit den Mächtigsten der Welt.

Interview-Technik

Die Wahl-New Yorkerin sprach mit Muammar Gadhafi, dem persischen Schah Mohammed Reza Pahlevi (https://newrepublic.com/article/92745/shah-iran-mohammad-reza-pahlevi-oriana-fallaci), Deng Xiaoping, Yassir Arafat, mit Ayatollah Khomeini, dem sie den Tschador, den Schleier, vor die Füße warf. Weil ihr zu warm war, sagten die anderen. Weil sie den Schleier als mittelalterlichen Lumpen verachte, sagte sie. Das Interview mit Henry Kissinger machte sie in Amerika zur Ikone: Sie brachte Kissinger dazu, den Vietnamkrieg als sinnlos zu erklären. Kissinger blieb das Interview als Desaster in Erinnerung. Es war um die Welt gegangen.

Was war so außergewöhnlich an ihren Gesprächen? Fallaci war immer penibel vorbereitet, nicht nur in sachlicher Art und Weise, nein, auch die Psychologie des Menschen interessierte sie. Sie war aufmerksam, hörte zu und wollte Antworten. Mit Aussagen wie „Sie sehen sehr traurig aus“ oder „ist man als König nicht unglaublich einsam?“, näherte sich Fallaci, um dann intelligent in die Offensive zu gehen. Kämpferin wie sie war, changierten ihre Fragen von direkt und mutig bis brutal.

Das Interview unterliegt wie jedes Genre einer inneren Kraft, einer Dramaturgie, die Fallaci als eine der ersten auch zu gestalten wagte: „Ich schreibe das Interview zuerst ab. Dann arbeite ich damit wie ein Regisseur: Ich schneide, lösche, stelle zusammen. Umschreiben ist meine Passion.“ Den Vorwurf ihre Interviews mit ihrer Persönlichkeit zu färben konterte Fallaci so: „Wenn ich ein Maler bin, habe ich nicht das Recht sie so zu malen wie ich die Menschen sehe und wahrnehme?“

Sie beschrieb Dinge im Detail und schreckte nicht zurück parallel ihre eigenen Gefühle, ihren inneren Monolog, während eines Interviews, zu schildern – den Leser zog sie so mitten ins Gespräch. Ihre ganz persönliche Vorstellung hat diese zarte, schöne Italienerin mit den großen melancholischen Augen, dem sinnlichen Mund, dem glatten gebändigten Haar, jedenfalls erreicht: „Ein Journalist sollte die Historie leben, sie mit seinen Händen berühren, mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören.“ Ich lege jedem Journalisten ihr Vermächtnis ans Herz.

Oriana Fallacis Bücher: Ein Mann, Interviews with History, Die Wut und der Stolz, Brief an ein nie geborenes Kind